Text: Elke Backes, Atelierfotos: Carsten Sander
Berlin-Neukölln. Manche Kunst lässt sich schnell verorten: ein Stil, ein Medium, eine Handschrift – und schon fügt sie sich in bekannte Kategorien. Die Arbeiten von Alex Müller gehören nicht dazu. Jeder Werkzyklus steht für sich. Und doch drängt sich die Frage auf: Gibt es eine verbindende Klammer?

Beispiele der Werkvielfalt, Fotos: Rainer Kradisch; Badewanne Erbsen o. r.: Jens Ziehe
Ein Besuch in ihrem Atelier liefert erste Hinweise. Der Raum ist bis in den letzten Winkel genutzt. Eingezogene Wände, Hochbauten, Nischen – ein Gefüge aus Werkstätten, Lagern und Arbeitsflächen. Wo sonst gemalt wird, hat Alex Müller eine kleine Werkschau aufgebaut. Zeichnungen, Malerei, Objekte: Materialien, Formen und Farbrhythmen stehen nebeneinander, ohne sich festlegen zu lassen.

Im Atelier von Alex Müller
Ist es das Ergebnis radikaler Offenheit? Oder folgt die Vielfalt einer klaren Fragestellung? Mit diesen Fragen starte ich unser Gespräch.
„Es ist beides“, antwortet Alex Müller. „Meine Ausbildung an der HBK Braunschweig hat genau das begünstigt: das freie Wechseln zwischen Disziplinen, das Ausprobieren. Gleichzeitig blieb die Malerei stets mein Ausgangspunkt – gerade in einer Zeit, in der ihr Ende ausgerufen wurde. ‚Leg den Pinsel weg. Die Malerei ist tot!‘ – das war damals ein Satz, mit dem ich umgehen musste. Für mich bedeutete das vor allem eines: Widerspruch.“
E. B.: Was hat dich inhaltlich inspiriert?
Alex: Es waren schon sehr früh Dinge mit Geschichte oder Spuren, die geblieben sind. Ich brauchte dieses gewisse Angestaubte, dieses Vergangene in meiner Arbeitsumgebung. Dazu gehörte beispielsweise meine Leidenschaft für Stummfilme, die in Dauerschleife im Atelier liefen. Oder Bücher, die Denkmodelle lieferten. Etwa die Idee eines Architekten aus den 1980er Jahren, jedem Raum einen eigenen Boden zuzuweisen. Mich faszinierte dabei der Gedanke, welche Wirkung die unterschiedlichen Muster der Böden auf die Bewohner haben müssten. Oder im übertragenen Sinne die Frage, welchen Einfluss Rhythmus und Struktur auf unseren Alltag haben. Diese Frage lebe ich zum Leidwesen meiner Familie nach wie vor dahingehend aus, dass ich regelmäßig unsere Wohnung umräumen muss [lacht].
E. B.: Waren die Dinge, mit denen du gearbeitet hast, die klassischen „gefundenen Gegenstände“, wie sie die Kunstgeschichte kennt?
Alex: Nein. Wie mir erst später bewusst geworden ist, waren es immer Dinge mit biografischem Bezug. Dinge, deren Geschichte eigentlich abgeschlossen ist, ich aber nicht bereit bin, dieses Ende zu akzeptieren. Sehr gut nachvollziehbar wird das bei den Briefen, die ich als Installation „Von der Hand an die Wand“ in den Wilhelm Hallen gezeigt habe. Solange ich denken kann, waren diese Briefe bei uns zu Hause Thema. Noch kurz vor dem Tod meines Vaters hat er sie aufs Neue geordnet. Es war für mich deshalb völlig klar, dass ich mit ihnen irgendetwas machen muss; irgendetwas, das ihnen nicht nur eine besondere Präsenz, sondern auch eine Zeitlosigkeit verleiht – in einer Art Vakuum.
E. B.: Beschreibe doch bitte noch einmal die Installation mit den Briefen.
Alex: Mein Vater ist mit nur 17 Jahren aus dem Osten nach West-Berlin geflohen. Seine Eltern haben sehr unter der Trennung und der fehlenden Kommunikation gelitten, was sich in 350 Briefen spiegelt, die sie meinem Vater geschrieben haben. Fünf Jahre nach dem Tod meines Vaters habe ich die Briefe, die vor 60 Jahren in Wilhelmsruh – nur 200 Meter von den Wilhelm Hallen entfernt – geschrieben wurden, auf Baumwollkissen gedruckt und dicht an dicht auf einer 25 Meter langen Wand installiert. Die Kissen symbolisieren für mich auch in ihrer Form das eben beschriebene Vakuum, das in den Prozess der Vergänglichkeit eingreift.

Von der Hand an die Wand (From Hand to Wall), 2025 | Wilhelm Hallen, Berlin Art Week 2025; Fotos: Choreo
E. B.: Gibt es diesen biografischen Bezug auch in deiner Malerei?
Alex: Nicht so direkt fassbar, weil ich sehr intuitiv arbeite. Wie bei jedem von uns schwirren unzählige Gedanken in meinem Kopf, die mal mehr, mal weniger an die Oberfläche rücken. Bestimmte Ereignisse können den Impuls dazu geben. Nehmen wir diese neuere Arbeit hier: Sie heißt „Das gestrige Herzklopfen“. Während des Malens habe ich an eine Gesprächssituation gedacht und an dieses „Getänzel“ im Kopf, das sich dabei abspielt. An Bilder, die losgelöst vom Gesagten entstehen und für das Gegenüber unsichtbar bleiben. Oft sind es Erinnerungen – womit wir wieder beim biografischen Bezug wären –, die ich dann mit den Mitteln der Malerei auf Leinwand übertrage und festhalte.

Das gestrige Herzklopfen, 2026
E. B.: Kommen wir vom Motiv zum Material. Warum hast du hier Stoff gewählt und die Arbeit scharnierartig, fast wie ein Fenster, an der Wand befestigt?

Endlich dick, 2023
Alex: Als Kind habe ich meinen Großvater sehr gern zu seiner Ärztin begleitet. Ich fand die Praxis unglaublich beeindruckend: petrolfarben gestrichene Wände, Messingbeschläge an den Türen, erlesenes Mobiliar und – was mich restlos begeistert hat – Türen mit Chesterfield-Polsterung. Ich denke, das hatte ich unterbewusst im Kopf, als ich diese Werkserie begann. Dazu kam die ständige Auseinandersetzung mit der Malerei und der Frage, wie ich sie aufbrechen oder in den Raum ausdehnen kann – etwa durch die Beweglichkeit des Scharniers, die auch eine Betrachtung von der Rückseite ermöglicht, oder durch die Plastizität der Arbeit selbst. Auch hier entstehen wieder Musterungen wie beim Vakuumieren, also wieder dieses Festhalten von Gedankenbildern.
E. B.: Im Motiv ist ein gebückter Mann mit Besen zu erkennen, der kehrt – also erneut eine Alltagssituation, die mit Ordnung, Struktur und Rhythmus verbunden ist. Sind das neben dem biografischen Bezug ebenfalls wiederkehrende Elemente
Alex Müller: Das ist ganz sicher der Fall. Das Kehren symbolisiert für mich eine Art positive Alltagsrealität. Insgesamt ist Kunst für mich ein Spiegel dessen, was uns am nächsten ist. Und das ist der Alltag – und sind unsere Erinnerungen. Immer wieder aufs Neue sind wir einer Flut von Eindrücken ausgesetzt, die wir mit den Bildern unserer Vergangenheit in Einklang bringen. In diesem stetigen Prozess des Ordnens und Strukturierens bleibt vieles in unserem Unterbewusstsein verborgen. Und es sind oft die kleinen Dinge, die Vergessenes buchstäblich wieder hervorkehren. Wie eben diese Dinge, die ich dann in einen neuen Kontext stelle, oder Ereignisse, die den Impuls für eine neue Arbeit setzen.
Vielleicht ist es genau das, was die scheinbare Vielfalt zusammenhält, denke ich abschließend. Nicht ein Stil, nicht ein Material, nicht ein Motiv – sondern ein Blick auf das, was uns nahe ist, und darauf, was davon bleibt.
Gedankenbilder. Im Vakuum der Erinnerungen.
Weitere Informationen
Website: http://www.karamelmuehle.de
Instagram: https://www.instagram.com/alexmueller_now/
Website Galerie: https://haverkampfleistenschneider.com/artists/alex-muller/
Nächste Ausstellungen
27. Juni 2026: Neuer Kunstverein Mittelrhein, „Klammer auf wir“ (gemeinsam mit Verena Issel)
September 2026: Kunstmuseum Wolfsburg
Oktober 2026: Galerie Haferkamp Leistenschneider „Zeit ist jetzt“
13. Dezember 2026: Kunsthalle Memmingen „Alexandraplatz (auf Reise)“



